Hummel

Ferdi

 

 

 

 

Dass Susi ueberlebte, war der Verdienst von meiner Tochter. Das arme kleine Miezi sass maunzend im Rinnstein; die Augen waren entzuendet, die Nase lief, das Fell war struppig. "Drei Katzen sind genug!" - so der Vater von Andrea-Julia, als ich einen Rettungsversuch startete. So verschwor ich mich mit meiner Tochter, dass sie die Katze einfach am Sonntag, waehrend ihr Vater und ich unterwegs sind, hereinholen solle - voellig ausser Acht lassend, dass sie die anderen eventuell anstecken koennte. Darauf gehorchte sie nur zu gerne und war begeistert von unserm Geheimbund. Als wir vom Fruehschoppen zurueckkamen und das Kind mit der Katze auf dem Schoss im Sessel sass, konnte auch ihr Vater nicht mehr nein sagen...

Gleich am naechsten Tag fuhren wir zum Tierarzt, der den Zustand der kleinen Katze als sehr kritisch bezeichnete. Durch unsere anderen Katzen war ich gut bekannt mit ihm, und er meinte, wenn jemand, dann wuerde ich sie durchbekommen. Und Susi schaffte es!

Kaum, dass sie wieder fit war, wurde sie rollig. Sie sass - in der Lautstaerke einer Loewin heulend und maunzend - in der diele und begehrte einen Kater. PussPuss, natuerlich kastriert, besah sie sich und leckte ihr mitfuehlend das Kopfchen. Was die junge Dame freilich keineswegs beruhigte - sie musste unbedingt kastriert werden! Wie immer, blieb ich auch bei diesem Eingriff bei meiner Katze und assistierte dem Tierarzt.

Susi war, wie Maunzer, eine grossartige Jaegerin.

Inzwischen war Andrea-Julias Vater ausgezogen und wir waren alleine mit unseren vier Fellnasen: Munzel, PussPuss, Maunzer und Susi. Meine Tochter bewohnte nun das statt ihres kelien Kinderzimmers das grosse, ehemalige Elternschlafzimmer. Ich hatte mein Bett in einem abgeteilten Teil des Wohnraumes, mit Blick durch die Terrassentuer direkt in den Garten und auf den Kirschbaum. Wenn die zeirliche Susi nachts von der Jagd zurueck kam, verkuendete sie, die Maus im Maul schleppend, lauthals "maus, maus!", um sie anschliessend knackfrisch in der Kueche zu verspeisen. Am naechsten Tag in aller Fruehe, wenn ich mich zur Arbeit fertig machen musste, trat ich garantiert mit nackten Fuessen auf den liegengelassenen Mausekopf...

Ich habe schon gesagt, dass es geschickte und schusselige Katzen gibt: so geschickt suse beim Maeusefangen war, so ein Schussel war sie in der wohnung. Der Wollknaeul Munzel konnte ueber einen Tisch mit Sektglaesern gehen ohne eines auch nur zu beruehren. Suse ging ueber den Tisch, auf dem eine einsamer Kaffeebecher stand - den warf sie garantiert um...

Susi war, aufgrund ihrer Erlebnisse in ihrere Jugend, scheu und liess sich beileibe nicht von jedem anfassen. Mein Schoss war der einzige, auf den sie freiwillig sprang. Und so geschah ein fuer uns -nicht fuer sie!- amuesanter Irrtum: wir sassen mit einem Freund am Kaffeetisch. Er sass auf meinem gewohnten Platz. Susi kam in die wohnung, guckte nicht rechts und links, machte einen Satz und landete -vermeintlich- auf meinem Schoss. Sie bemerkte ihr Versehen im gleichen Augenblick, die Verwirrung stand mit grossen Lettern in ihrem Gesichtchen. Sie blickte sich verdattert um, sprang herunter, visierte ihr eigentliches Ziel an, traf und war nun zufrieden. Ausser susi lachten alle, aber die war nun trotzdem gluecklich.

Als ich 1995 von Wehrheim wegzog, blieb Susi bei Andrea-Julia und bei PussPuss. Zwei wochen nach meinem Umzug verschwand sie spurlos. Ich habe rasch meinen ersten Scanner -einen handscanner- gekauft und ein Flugblatt gemacht, welches Andrea-Julia ueberall aushaengt. Aber Susi blieb verschwunden.

Ich habe mir lange Zeit Vorwuerfe gemacht, weil ich annahm, sie waere auf der Suche nach mir. Susi ist nie wieder aufgetaucht.